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Gehörlos – taub, aber nicht stumm!

Ungefähr jeder tausendste Mensch in Deutschland ist gehörlos. Das bedeutet: gehörlose Menschen können an der alltäglichen Kommunikation nur sehr eingeschränkt teilnehmen und Gesprächen nur schwer folgen. Sie können das Radio nicht nutzen und sind auf die wenigen Sendungen des Fernsehens mit Untertiteln oder eingeblendeten Gebärdensprachdolmetschern angewiesen.
Viele Gehörlose sind praktisch „sprachlos“ aufgewachsen. Als Kinder verständigten sie sich behelfsmäßig mit den Eltern und lernten oft erst während der Schulzeit durch ihre Mitschüler Gebärdensprache.
Die Sprache der Hörenden müssen Gehörlose von den Lippen absehen. Nur ein Teil der Laute ist dabei eindeutig zu erkennen (ca. 30%), der Rest muss kombiniert/ erraten werden. Deshalb verlangt eine „normale“ Verständigung mit Hörenden ein hohes Maß an Konzentration und ist anstrengend. Die jeweilige „Stimmung“ des Gesprochenen entgeht dem Gehörlosen.

Übrigens: Weil Gehörlose mit sehr viel Mühe sprechen gelernt haben und außerdem die Gebärdensprache haben, sind sie nicht stumm und empfinden den Ausdruck „taubstumm“ als diskriminierend. 

Gebärdensprache

Die Gebärdensprache ist eine eigen- und vollständige visuelle Sprache mit einem umfangreichen Wortschatz und eigener Grammatik, die sich von der deutschen Lautsprache unterscheidet. Ihre Bestandteile sind Handzeichen, Mimik, Gestik und Mundbild. Sie wird stimmlos gebärdet.
Über lange Zeit (seit 1880) wurde Gebärdensprache als minderwertige Sprache angesehen. An den Schulen galt es als pädagogisch sinnvoll, gehörlose Kinder und Jugendliche rein lautsprachlich zu unterrichten (Mundabsehen und Sprechen) – mit der Argumentation: bilinguale Erziehung verhindere den Erwerb der Lautsprache. 
Gebärdensprache war in Deutschland eine „Untergrundsprache“, die allein durch Gehörlose weitergegeben und lebendig erhalten wurde.

Erst seit den 70ger Jahren des 20. Jahrhunderts trat durch die linguistische Erforschung der Gebärdensprache ein Wandel ein.
Heute ist die Gebärdensprache offiziell anerkannt (Dezember 1998 durch den Hessischen Landtag, Juli 2001 auf Bundesebene durch die Einführung des Sozialgesetzbuches IX). Und mittlerweile wird an einigen Schulen für Gehörlose bilingual unterrichtet (in der Deutschen Gebärdensprache und der deutschen Lautsprache).
Von der Gebärdensprache zu unterscheiden ist das Fingeralphabet. Es wird in Situationen benutzt, in denen auch sonst buchstabiert wird: bei unbekannten oder nicht verstandenen Begriffen oder Namen.
Es gibt verschiedene nationale Gebärdensprachen und regionale Dialekte.

Gehörlose können sich in Gebärdensprache unge-(unbe-)hindert und entspannt verständigen.
Gehörlose Menschen empfinden Gebärdensprache als „ihre eigene Sprache“. Auch wenn oft nicht im Elternhaus als Muttersprache gelernt, ist die Gebärdensprache die Basis, auf der andere Sprachen aufbauen. So gesehen ist die deutsche Sprache (in Laut und Schrift) die erste Fremdsprache für einen gehörlosen Menschen: eine Sprache, die erlernt wird, ohne sie je gehört zu haben.

Alltag von tauben Menschen

Viele Dinge sind Hörenden so vertraut, dass erst auf den zweiten Blick auffällt, was es bedeutet, nicht hören zu können: Wecker, Türklingel, Telefon, Arztbesuch, Behördengang, soziale Kontakte am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft - für viele Dinge gibt es visuellen Ersatz, für die Fernkommunikation schriftliche Systeme wie Fax, E-Mail und Handy, für Gespräche Dolmetscher (nicht kostenlos) oder die Hilfe einer Beratungsstelle. Doch nicht immer ist alles so einfach zu organisieren, es erfordert Zeit und Geld, ist anstrengend und nervenaufreibend. Dass Veranstaltungen und Vorträge von allgemeinem Interesse gedolmetscht werden, ist immer noch die Ausnahme.
Umso wichtiger ist die Gemeinschaft mit anderen Gehörlosen, das lockere Plaudern, die gegenseitige Unterstützung.

Gehörlosengemeinden

Auch wenn die Arbeit in den Gehörlosengemeinden als Sonderseelsorge deklariert ist, es ist Gemeindearbeit wie in jeder anderen hörenden Gemeinde auch. Ob Gottesdienste, Kasualien, Gruppen, Kreise, Organisation, Verwaltung usw., die Unterschiede zur hörenden Gemeinde sind gering - mit der Ausnahme, dass die Kommunikation in Gebärdensprache erfolgt.
Einige Gehörlosengemeinden sind im Zuge der Gründungen von Gehörlosenschulen entstanden oder haben ihre Wurzeln in der „Inneren Mission“ (Anfang des 19. Jhd. /1848). Die Gehörlosenarbeit der Anfangsjahre war stark vom Geist der Inneren Mission motiviert: „Den armen Taubstummen zu helfen und ihnen Gottes Wort zu predigen.“
Heute basiert die Gehörlosenseelsorge auf der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit selbstbewussten und kulturell in ihrer Sprache verwurzelten Gehörlosen.
Durchgehend ist es das Selbstverständnis der evangelischen Gehörlosenseelsorge, den Menschen in ihrer Sprache, der Gebärdensprache, das Evangelium zu verkünden.

Acht Gehörlosengemeinden

gibt es in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW). Sie treffen sich regelmäßig einmal im Monat zu Gehörlosengottesdiensten (besser: gebärdensprachlichen Gottesdiensten). Anschließend bleibt die Gemeinde zum gemeinsamen Austausch zusammen.
In den größeren Gemeinden gibt es weitere Kreise und Gemeindegruppen.
Je nach Verkehrsanbindung gehen die Einzugsgebiete der Gemeinden weit über Stadt-, Kirchenkreis-, auch Landeskirchengrenzen hinweg. Eine gute Zusammenarbeit mit den Gehörlosenseelsorgen anderer Landeskirchen ist wichtig (die Seelorger*innen sind organisiert in EKD-Dachverband DAFEG).
Jede Gemeinde wählt alle sechs Jahre einen Gemeindevorstand, der über Termine, inhaltliche Ausrichtung, Kollekten und Finanzen der Gemeinde entscheidet. Die Gemeindevorstände der acht Gemeinden treffen sich in der Regel einmal im Jahr.
Neben der Finanzierung eigener Projekte, ist ein Schwerpunkt der Jahreskollekten die Gehörlosenmission. Konkret wird mit diesem Geld eine Gehörlosenschule in Mwanga (Tansania) finanziert.

Gottesdienst

Gebärdensprache ist stimmlos. Trotzdem wollen wir auch Hörende mit einbeziehen. Deshalb wird, wenn Hörende im Gottesdienst sind, mitgesprochen oder Lautsprachbegleitende Gebärden (LBG) verwendet. Allein die Gebärdenlieder werden nicht Lautsprache übersetzt.
Vielleicht tut es aber auch gut, dem Sehen Raum zu geben und sich an der Schönheit und Ästhetik der Gebärdensprache zu erfreuen. Sie verleiht den Gehörlosengottesdiensten eine besondere liturgische Prägung und Ausstrahlung.
Nicht wundern, wenn die Gemeinde sich zu den für Sie gewohnten Teilen des Gottesdienstes nicht erhebt. Wer aufsteht, der verstellt irgendjemandem den Blick.

Kasualien

In der Regel übernehmen die Gehörlosenpfarrerinnen und -pfarrer Kasualien (Trauung, Taufe, Konfirmation, Trauerfeier und Beisetzung) für ihre Gemeindeglieder.
Bei Kasualien in hörenden Gemeinden kann ein*e Gebärdensprachdolmetscher*in bestellt werden. Die Kosten werden im Rahmen eines EKD-Projektes von der Gehörlosenseelsorge übernommen (weiter Informationen/ Anträge hier).

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